Wer denkt hier noch an Piroschka?
3. Februar 2010

Foto: AW-Wiki

Mit Hilfe dieser Kurbel wird die Schranke herunter- und wieder hoch bewegt. Foto: Manfred Schick
Wer mit dem Zug vom Bahnhof Remagen in Richtung Ahrbrück fährt, kann an der ersten Haltestelle, in Bad Bodendorf, Eisenbahn-Romantik pur erleben. Zwar begegnet er nicht wie der Austauschstudent Andreas (in dem Film Ich denke oft an Piroschka von Gunnar Möller gespielt) dem Stationsvorsther István Rácz (Gustav Knuth) und seiner bezaubernden Tochter Piroschka (Lilo Pulver). Doch ist der um 1880 eingerichtete Haltepunkt Bad Bodendorf nach rund 4,7 Kilometern hinter Remagen heute ein echtes Stück Eisenbahn-Nostalgie. Zweigleisig ist der Bad Bodendorfer Bahnhof, und er hat eine Halteinsel. Vielleicht ist es den vielen Pendlern aus dem Ahrtal oder den Touristen, die den modernen Personenzug “Talent” nutzen, noch nicht aufgefallen. Aber der Zugverkehr setzt in Bad Bodendorf nach wie vor auf Muskelkraft, wenn es um die Betätigung der Bahnschranken geht, die die Bahnhofs- und Hauptstraße von einander trennen.
Dazu schreiten die Frauen und Männer vom Betriebsdienst tagsüber mehrmals stündlich zur Tat. Eine einfache Kurbel, über Stahlseile mit der Mechanik der Schranke verbunden, stoppt zusammen mit Andreaskreuzen den Straßenverkehr, wenn ein Zug durch den Badeort fährt. Der wird mittels Telefon vom Bahnhof Bad Neuenahr oder aus dem “Tower” in Remagen gemeldet. Im Zeitalter von Telematik und Datentransfer bestimmt hier noch ganz alte Technik den Schienenverkehr. Dennoch funktioniert sie mit Sicherheit.
Außer in Bad Bodendorf werden heute alle beschrankten Bahnübergänge der Ahrtalbahn “ferngesteuert”. Lediglich an einem Bahnübergang in Dernau und in der Höhe von Pützfeld ist die Strecke unbeschrankt. Unbeschrankt sind auch Personenübergänge in Bad Neuenahr am “Gummiweg” und an der Schmittmannstraße in Dernau. Kurz hinter der letzten unbeschrankten Querung, in Pützfeld, endet heute die Ahrtalbahn-Trasse. Bis dahin hat sie, von Remagen kommend, einen Höhenunterschied von rund 120 Metern überwunden und ist durch fünf Tunnel und und über zahlreiche Brücken gefahen. Sie endet, bahntechnisch gesehen, bei Kilometer 29 in Ahrbrück.
Dabei waren es der Streckenkilometer früher einmal mehr. In Adenau erreichte sie mit Kilometer 42,4 ihre längste Ausdehnung. Den “Schiestra-Bus” im Fahrdienst mal nicht mitgerechnet. Der ging nämlich, mit Gummiradsätzen versehen, von der Schiene auf die Straße Richtung Eifel.
Auch am vorher gelegenen Abzweig in Dümpelfeld ging der Personenverkehr weiter. Triebwagenzüge nach Lissendorf und Blankenheim-Wald verkehrten in Richtung der Trier-Kölner Strecken. Erhebliches Umsteigen war dazu nach Auskunft von Zeitzeugen noch üblich, wenn man mit der Bahn von Ahrweiler zum Beispiel nach Ahrhütte (dort wurde ein Zement- und Kalkwerk über einen Bahnanschluß bedient) über Ahrdorf in der Eifel fahren wollte. Zeitdauer damals: etwa zwei Stunden.
Im Jahr 1955 drehte Regiesseur Kurt Hoffmann die Piroschka. 1948, Jahre zuvor, wurde der Bahnhof Bad Bodendorf baulich in seine heutige Form gebracht. Ein klein bißchen Legende von Film und Bahn bleiben auch heute noch spürbar, wenn das Telefon in dem kleinen Bahnhofs-Dienstraum mit den Hebeln für die Signale und der Schrankenkurbel betätigt wird. Die Meldung “Posten Bodendorf” und der Zeiteintrag im Streckenbuch gehören inklusive Unterschrift der “Bahnbeamten” dazu. Der Fahrdienstleitrer (FdL, in Eisenbahnerkreisen auch “Feind des Lokführers” genannt) wacht von seinem Kontrollstand in Remagen zusammen mit seinen Kollegen entlang der Strecke bis zum Ende in Ahrbrück über die Sicherheit der Ahrtalbahn-Reisenden.
Dabei wird auch noch das legendäre Bahnbetriebswerk Kreuzberg mit seinen historischen Lokschuppen passiert. Soviel Romantik begeistert und lädt auch ab und zu Dampfloks mit angehängten Abteilwagen auf die Strecke ein. So wie bei Piroschka. Sicher bekam auch István Rácz seine Züge im ungarischen Hódmezovásárhelykutasipusztá die ankommenden Züge telefonisch gemeldet. Nicht ohne Zufall laufen auch die Telefonleitungen an der Ahr genauso wie in Piroschkas Ungarn parallel zur Bahnstrecke.
Was in Bad Bodendorf bloß fehlt, ist die schöne Tochter des Stationsvorstehers vor Ort. Trotz aller Schienenromatik: Einen Stationsvorsteher wie einst gibt es heute auch in Bad Bodendorf nicht mehr. Stattdessen wechseln sich zivil gekleidete Kolleginnen und Kollegen im Schichtdienst ab und wohnen anderswo. Wäre die Tochter des Schrankenwärters also aus noch so charmant – ihr Liebreiz bliebe den auf dem Bahnsteig ankommenden Bodendorfer Junggesellen verborgen.
Manfred Schick






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